112 Kühe für Ötigheim

Gemeinde setzt Förderprogramm zur Haltung von Rindern um

Sie gehören seit 112 Jahren wie selbstverständlich zu jeder Ötigheimer „Tell“-Inszenierung: Kühe! Gleich zu Beginn des Stückes sorgen sie mit „Muh“ und Glockenklang beim Almabtrieb kräftig für Alpenkolorit.
 
Inzwischen sind jedoch gerade diese Mitwirkenden besonders schwer zu rekrutieren. Seit Jahrzehnten werden in Ötigheim keine Rinder mehr gehalten. Und auch im Umland sind Tiere Mangelware, die sich handzahm führen lassen.
 
Mit einem Überraschungscoup leitet Ötigheims Bürgermeister Frank Kiefer nun eine Trendwende ein:
 
„112 Kühe für Ötigheim“ nennt sich das Förderprogramm, mit dem die Gemeinde die Haltung von Rindern neu beleben will. Ziel sind der Aufbau und die Unterstützung einer umweltschonenden, tiergerechten Rinderhaltung in Ötigheim.
 
Als Basisförderung ist ein Zuschuss zu den Tieranschaffungskosten vorgesehen. Förderfähig sind auch Investitionen in die Errichtung oder Modernisierung von baulichen Anlagen zur Tierhaltung (z.B. Ställe, Lagerstätten, Biogas-Kleinanlagen).
 
Bürgermeister Frank Kiefer: „112 Jahre ‚Wilhelm Tell‘ in Ötigheim waren für mich Anlass, nicht nur über die Geschichte und Geschicke der Volksschauspiele nachzudenken. Sondern auch zu überlegen, wie wir speziell als ‚Telldorf‘ nachhaltig Zukunft gestalten können. Beispielsweise, indem wir als Dorfgemeinschaft zu einer ökologischen Lebensmittelproduktion zurückfinden.“
 
Dass dieser Umbau nicht teuer sein muss, zeigt Ötigheims Rathaus-Chef anhand zweier kommunaler Liegenschaften auf:
 
„Wir hatten vor dem Rathaus eine weitgehend ungenutzte Grünfläche. Nun hat unser Bauhof diesen Bereich eingezäunt. Damit können wir jetzt acht gemeindeeigenen Kühen einen artgerechten Weideplatz anbieten. Die Sandsteintribüne in der Mitte der Fläche wird mit geringen Mitteln zu einem Unterstand mit Viehtränke hergerichtet. “
 
Vor mehreren Jahren hat die Gemeinde die ehemalige Ötigheimer Milchzentrale gekauft. Bald soll das „Milchhiesel“ wieder seinem ursprünglichen Zweck zugeführt werden. Bürgermeister Kiefer: „Wir möchten die in Ötigheim erzeugte Milch in Ötigheim zum Verkauf anbieten. Kurze Wege und eine unbürokratische Kaufabwicklung sollen das Angebot für Einlieferer wie Verbraucher attraktiv machen.“
 
Profitieren sollen von dem Projekt auch die Kinder Ötigheims. Einerseits gesellt sich zum Spielplatz vor der Mehrzweckhalle mit der Rinderhaltung ein Tiergehege. In der MÖBS-Partnergemeinde Muggensturm schon lange ein Erfolgsmodell. Zusätzlich werden die Milcherträge der gemeindeeigenen Kühe den Kindergärten kostenlos zur Verfügung gestellt.
 
„Wir sind jetzt darauf angewiesen, dass viele Ötigheimer diese Initiative unterstützen“, sagt Bürgermeister Kiefer. „Teilnehmer können auch gemeinsam ein Rind halten. Selbst innovative Modelle wie ‚cow-sharing‘ sind denkbar, falls jemand nur eine Rasenfläche anbieten kann oder möchte. Bezüglich der Rinderrasse und Fellfarbe gibt es keine Vorgaben. Ötigheim ist weltoffen.“
 
Sollte das Modell Erfolg haben, überlegt der Rathauschef, in die Fleischproduktion einzusteigen. „Wir haben mit der Metzgerei Seeger bereits einen interessierten Abnehmer im Ort. Denkbar wäre, zusätzlich im Bürgerbüro Wurstwaren in Dosen anzubieten. Diese könnten als Werbeträger dienen.“
 
Selbst eine Vatertierhaltung durch die Gemeinde schließt Kiefer nicht aus: „1971 wurde der Ötigheimer Farrenstall abgerissen. Mit der Schließung von ‚Lona‘s Laden‘ steht in der Nähe des historischen Standortes Ecke Neue Friedhofstraße/Hildastraße eventuell eine Liegenschaft zur Verfügung, die wir anmieten könnten. Denkbar wäre aber auch das Areal der Volkschauspiele. Im Bereich des Zuschauerfoyers hätten die Tiere zusätzlich ausreichend Auslauf.“
 
Der 1. Vorsitzende der Volksschauspiele, Pfarrer Erich Penka, betont die theologische Dimension des Projekts: „In Ötigheim hat sich die Volksfrömmigkeit lange dem heiligen Wendelinus zugewandt. Das belegt unsere Wendelinuskapelle. Aber auch der Josefsaltar der Pfarrkiche war ursprünglich dem heiligen Wendelin geweiht. Sankt Wendelin wird als Patron der Landwirte und insbesondere als Viehpatron verehrt.“
 
112 Jahre „Wilhelm Tell“ lieferten die Idee für das Projekt „112 Kühe für Ötigheim“. Das Förderprogramm ist die Gabe der Gemeinde an die Volksschauspiele anlässlich der Neuinszenierung des Ötigheimer Traditionsstückes 2022. Bürgermeister Kiefer: „Ich habe lange überlegt, wie ein Geschenk zu diesem besonderen Ereignis aussehen könnte. Wie 112 Jahre engagierten Miteinanders augenfällig zu belegen und angemessen zu belohnen sind. Die Volksschauspiele sind aus der Dorfgemeinschaft heraus entstanden. Ich möchte deshalb, dass das Geschenk der Dorfgemeinschaft zugutekommt.“

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